Montag, 3. November 2014

Zyniker

Slainte aus dem Shamrock. Ich sitze mal wieder bei einem Pint und sinniere. Pardon, falls Sie mich noch nicht kennen, aber eigentlich kann das nicht sein, ich bin Kea Laverde, Ghostwriterin, und lasse mich ganz gern mal über die Welt aus. Heute über jenen Teil der sogenannten Wirklichkeit, der sich Soziale Netzwerke nennt. In Netzen fängt man Fische, vielleicht auch andere Lebewesen, daher stehe ich mit dem Begriff ohnehin auf Kriegsfuß. Wenn Sie öfter bei meinen Kolumnen vorbeischauen, wissen Sie: nicht nur mit dem Begriff. Auch mit der Sache selbst.
Ich bin nicht der Typ, der sich permanent zur Schau stellen will. Eigentlich gar nicht. Deshalb bin ich vorsichtig mit Gesichterbuch und Co. Klar, man kann es unterschiedlich nutzen, es muss nicht das "Spieglein, Spielein an der Wand" werden, in dem das eigene Antlitz so traumhaft wunderbar leuchtet. Okay, wir Ghostwriter sind anders als andere, nein, wirklich, wir sind Autoren, deren Namen niemals auf den Buchrücken stehen, selbst wenn wir das entsprechende Buch geschrieben haben, daher brauchen wir auch nicht mit dem Projekt auf Werbefeldzug gehen. Das wird ja gern gemacht unter Schriftstellern im Netz. "Hallo, ich freue mich wahnsinnig über diese Rezension ..."; "Gerade den Bücherkarton ausgepackt ..."; "Guckt her, schon die 10. Auflage ..."
Tja. Was soll man dazu sagen? Liken? Warum nicht. Es tut den Seelen gut. Nicht meiner, aber der jener Leute, die den jeweiligen Post ins digitale Nirwana gesendet haben. Manchmal habe ich den Eindruck, mit Verlaub, dass hier nach Streicheleinheiten gegiert wird. Ein wenig Anerkennung, Auf-die-Schulter-Klopfen, ein freundliches Nicken, "hej, klasse gemacht!", so was wie Lob. Das können die meisten sowieso nicht mehr aussprechen: ein echtes Kompliment oder ein Lob. Womöglich haben sie auch einfach keine Zeit dazu. Deshalb Like statt Lob, na gut.
Ich finde, es ist okay, wenn man derartige Ansagen liket. Allen ist damit geholfen. Die betroffenen Urheber freuen sich, ihre echten (!) Freunde bestimmt auch, und ein paar andere ärgern sich vielleicht (nämlich die, die gerade nicht die 10., sondern nur die 8. Auflage vor sich liegen haben), aber dafür kann ja der nichts, der liket. Doch, Letzterem tut es sicher auch gut, ein wenig Anerkennung in die schnöde, kalte Welt gepustet zu haben, selbst wenn diese Anerkennung nur aus einer kurzen Zuckung des Zeigefingers bestand: klick.
Allerdings sind ja nicht alle, die durch die Sozialen Netzwerke stolzieren, so wohlmeinend. Neben denjenigen, die auch mal mit zusammengebissenen Zähnen was Nettes klicken oder tippen, gibt es jene, die vorzugsweise die Kommentarfunktion nutzen. Selbstdarstellung, die etwas verzwickter daherkommt als die in den Originalposts. Nicht einfach nur buhlen um ein Like, sondern signalisieren, dass man komplexer gestrickt ist als die arme Seele, die eine handgestrickte Meldung ins elektronische Überall schickte. Da wird die Rezension eines Buches eines Kollegen (schöne Genitivattribute, nicht?) nicht inhaltlich kommentiert, sondern stilistisch zerrupft. Will heißen: Wer so doof schreibt (will wiederum heißen: Ich, der Kommentator, hätte es besser gekonnt), versteht auch von der Sache selber nur Bahnhof. Eine Bilderserie, deren Link gepostet wurde, und die den Autor bei einer Lesung zeigt, muss zwanghaft mit Hinweis auf die professionelle Unfähigkeit des Fotografen kommentiert werden. (Bedeutung dahinter: Der Autor sieht doch bescheuert aus. Ich, der Kommentator, wäre viel fotogener.) Ein eigentlich witzig gemeinter Post wird kommentiert, indem das sichtbare Augenzwinkern der Originalbemerkung ignoriert wird.
Solche Zeitgenossen (und ich gebe zu: ich entfreunde sie auf meinem spärlich bestückten Gesichterbuchprofil) sind immerwährende Unzufriedene, die jedoch niemals zugeben würden, dass sie der Meinung sind, die Welt verkenne sie. Verkappte Neider und Klugscheißer, die meinen, eine vorgeschützt abgeklärte Geisteshaltung würde das Publikum davon überzeugen, dass sie die Besseren sind, treiben ihr kommentierendes Unwesen.
Falsch gedacht, meine ich, und ich trinke einen Schluck Bier drauf: Wer es nötig hat, den Zyniker zu spielen, reduziert sich selbst auf einen Kleingeist.
Das musste mal gesagt werden.

Ihre
Kea Laverde

1 Kommentar:

Jo hat gesagt…

Oh, in diesem Artikel steckt so viel Wahres. Manchmal fragt man sich in all den sozialen Gedöns, wo eigentlich das Soziale geblieben ist.