Montag, 30. April 2012

Vorsicht, es beißt! Die Angst vor dem leeren Blatt

Da liegt es. Rein, weiß, und erinnert irgendwie an Persil. Das leere Blatt vor Ihnen.
Es ist schon sonderbar. Viele Menschen haben Lust, zu schreiben. Sie kaufen sich einen neuen Kollegblock, einen schicken Füller oder ein Set HB-Bleistifte. Doch dann, wenn es losgehen soll, kneifen sie den Schwanz ein. Der Grund: Sie haben Angst vor Schmutz und Gekritzel. Setzt man nämlich den Stift erst einmal aufs Papier, schnurren die vielen Millionen Möglichkeiten, die man hat, um dieses Blatt zu gestalten, zusammen. Wie schnell ist es besudelt, vollgekrakelt, unansehnlich. Und wer will, bei den Papierpreisen, schon verschwenderisch sein?
Sie merken schon – so funktioniert das nicht. Wer schreiben will, der muss loslegen. Er muss anfangen. Muss einfach schreiben. Im Schreiben verbirgt sich ein gewisses Risiko. Denn natürlich kann das Gedicht misslingen, die Story sich im Nirgendwo verlieren, das Drehbuch niemals den Kern der Sache treffen. Autor wird, wer die Gefahr nicht scheut. (Müßig zu sagen, dass Schreiben nichts für ängstliche Typen ist!) Jedes Projekt kann scheitern. Fangen wir erst gar nicht damit an, dann endet das Projekt noch im Planungsstadium. Machen wir uns doch nichts vor: Wir alle haben, aus Faulheit, Ängstlichkeit, oder weil wir begabte Verschiebetaktiker sind, manche gute Idee versanden lassen, bevor sie ihre Magie ausüben konnte.
Das Geheimnis, wie diese Angst zu überwinden ist, lautet ganz einfach: Anfangen. Mehr ist da nicht.
Fangen Sie an. Schreiben Sie jeden Tag. Am besten zur selben Zeit. Möglichst dann, wenn der Tag noch frisch und blau ist, noch nicht zerredet und zerfahren, durch Zeitungslektüre verrußt oder banalisiert. Julia Cameron nennt diese Übung „Morgenseiten“ und führt sie selbst seit Jahr und Tag aus. Unser Geist wird sich an die Routine gewöhnen und irgendwann von selbst das Schreiben einfordern. Wir lernen, das logische Denken und den inneren Zensor für die Dauer des Morgenseitenschreibens auszuschalten.
Zehn Minuten sind genug. Oder drei Seiten. Schreiben Sie, was Sie wollen, aber schreiben Sie. Vertun Sie keine Zeit, indem Sie Zeitpläne ausarbeiten. Von mir aus: Brühen Sie sich eine Tasse Kaffee auf, aber dann schreiben Sie. Sie können nichts falsch machen. Diese Seiten sind nur für Sie gedacht. Niemand wird Sie lesen (– Sie werden sie ja wohl nicht offen rumliegen lassen ...)
Vermutlich rührt die Angst vor dem leeren Blatt noch aus unserer Schulzeit. Schulaufsätze waren die Hölle. Schon beim Schreiben überschlug ich, welche Formulierungen der Lehrer wohl anstreichen würde (zu umgangssprachlich, zu fantastisch, Thema verfehlt)! Kein Wunder, wenn unsere Kreativität bis zum Abitur nicht so richtig zum Zug kam. Aber von dem Gleis sind Sie ja schon runter. (Und wenn nicht: Die Morgenseiten gehören nur Ihnen!) Trauen Sie sich, anachronistische Schmachtfetzen zu fabrizieren, Kolportage, Fragmente. Das Überarbeiten werden Sie später lernen. Denn die Übung ist der Anfang Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und der Beginn eines schöpferischen Tages.
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.“
- Hermann Hesse
Auf geht’s:
Schlagen Sie eine leere Seite im Sudelbuch auf:
Skizzieren Sie, wo Sie sich gerade befinden. Was sehen, hören, riechen Sie?
Danach notieren Sie 10 Themen, die Sie immer schon interessiert haben.
Und ab heute ...
... stellen Sie den Wecker auf zehn Minuten früher und schreiben Sie Ihre drei Seiten. Jeden Tag.
Beruhigen Sie Partner, Kinder oder Haustiere durch kleine Gefälligkeiten an anderer Stelle.

Samstag, 21. April 2012

Ich wollt', ich wär (k)ein Huhn

... die Autobiografie eines Huhnes in der Fränkischen Schweiz. Geschrieben von Friederike Schmöe und gedruckt: hier!

Dienstag, 10. April 2012

Sudeln und klittern - wo die Ideen wachsen

Themen findet man nicht. Sie drängen sich auf. Ich weiß nicht mehr, von wem dieses Bonmot stammt. Aber ich bringe es gerne in Stellung, wenn ich gefragt werde: „Wie finden Sie Ihre Themen?“ oder „Wo nehmen Sie Ihre Ideen her?“

Ehrlich gesagt, ich finde sie nicht. Man kann ihnen nicht befehlen, sich unverzüglich einzustellen. Sie sind wie Saatkörner. Unscheinbar in brauner Erde verborgen, stoßen sie irgendwann ans Tageslicht. Dann heißt es, behutsam mit dem zarten Pflänzchen umzugehen. Man darf aber auch nicht in die Luft gucken und abwarten, bis die Ideen irgendwann vorbeikommen. Dann verpasst man sie allzu leicht.

Was also ist zu tun?

Die Antwort lautet: Sudeln und klittern. Große Schriftsteller machen es vor. Georg Christoph Lichtenberg sagte: „Die Kaufleute haben ihr waste book (Sudelbuch, Klitterbuch glaube ich im Deutschen), darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie kaufen und verkaufen, alles durcheinander, ohne Ordnung ... dieses verdient von allen Gelehrten nachgeahmt zu werden.“ Ich möchte hinzufügen: von allen, die ihre inneren Quellen entdecken wollen; von allen, denen es ein Bedürfnis ist zu schreiben. Jeder Mensch hat bis zu seinem zehnten Lebensjahr genug erlebt, um einen Roman daraus zu verfassen – mindestens einen. Doch unser größter Feind ist unser Gedächtnis. Alexander Steele sagte dazu, Ideen seien wie Popcorn; manchmal platzen sie in rasender Eile an den Rändern des Bewusstseins auf und verlangen danach, aufgefischt zu werden. Sonst tauchen sie für immer ab. Deshalb also das Sudelbuch.

Ich führe eins. Es ist jedes Mal schnell voll. Ich habe es immer dabei, inklusive Stift natürlich, und wenn mir was Schräges passiert oder irgendetwas einfällt, das ich nicht vergessen will, schreibe ich es rein. Einfach so. Ich schalte den inneren Zensor aus – das ist die Stimme, die ständig meckert – „zu banal, zu blöd, uninteressant, totaler Quatsch“ – und notiere, was mir durch den Kopf geht. Später, viel später, meistens Wochen später, ordne und sortiere ich meine Einträge. Aber nicht gleich. Auf keinen Fall. Zuviel Ordnung schadet dem Genie in uns.

(Ach, übrigens: Sind Sie auch so ein Schreibzeug-Junkie? Lieben Sie wie ich Schreibwarengeschäfte, Spiralblocks, Tagebücher, Oktavhefte, Filzer, Kulis, Füller, Tintenroller, Marker? Dann haben Sie ja jetzt einen prima Anlass, sich öfter mal ein Notizbuch zu leisten ...)

Sie sind auf der Suche nach etwas, worüber Sie schreiben könnten? Sie sind der Meinung, Sie haben nichts Spannendes erlebt? Dann ist die folgende Übung die richtige für Sie:

Auf geht’s:

Seite 1 im Sudelbuch: Legen Sie eine Liste an. Notieren Sie

10 Orte, an denen Sie letzte Woche gewesen sind.

10 Personen, die Ihnen begegnet sind.

Jetzt fahren Sie Bus und hören dabei auf dem iPod den Soundtrack zu „Schlaflos in Seattle“. Oder Sie setzen sich mit einem Cappuccino auf den Balkon oder mit einem Chianti in die Badewanne. Und mit Ihrem Sudelbuch natürlich. Nun formulieren Sie

10 erste Sätze, wie eine Geschichte über einen dieser Orte oder eine dieser Personen beginnen könnte.

10 Titel, die zu dieser Geschichte passen würden oder die Sie als Leserinnen neugierig machen würden.

Sie werden merken: Der beste Fundus für Ideen ist Ihr eigenes Leben!


Freitag, 6. April 2012

Geschichten auf dem Bierdeckel ...

... nein, keine Steuererklärungen. Sondern Storys. In 140 Zeichen. Ausdenken, schreiben und einreichen. Nach den Geschichten auf der Brötchentüte, der Zigarettenschachtel und der Postkarte sind jetzt die Bierdeckel dran. Erst Inspiration tanken, dann loslegen? Ein Idee von Bamberg liest: Die Bierdeckel-Geschichten!
Viel Vergnügen!

Montag, 2. April 2012

Tagebuch 4

Das Internet bietet eine Menge Möglichkeiten. Z.B. den Austausch mit anderen Autoren auf unterschiedlichen Plattformen, den ich sehr genieße. Man kann sogar über Sprachgrenzen hinweg diskutieren, da trifft die deutsche die französische Literatur und so weiter.
Das ist klasse.
Was nicht klasse ist: Ziemlich viel treibt nur noch an der Oberfläche. Gedanken werden zu Treibholz. Es ist leicht, einmal auf "Like" zu klicken. Es ist leicht, einen witzigen Spruch mit einem coolen Foto "Gefällt mir"-würdig zu finden. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber wenn es um Bücher geht, ist das meistens zu wenig.
Deshalb tauschen sich viele auf Leseportalen aus. Das ist auch hoch spannend, insbesondere wenn man Bücher empfohlen bekommt und einfach auf neue Ideen gebracht wird. Seit einiger Zeit aber habe ich den Eindruck, dass all diese Möglichkeiten zum Debattieren doch etwas nicht haben. Mir ist nicht ganz klar, was es ist, aber ich schätze: Es ist doch irgendwie nicht tief genug? Oder habe nur ich nicht den richtigen Dreh, um virtuelle so richtig tiefgehend zu diskutieren?
Ich griff also auf ein Medium zurück, das von je her eine eine Methode der Selbstanalyse und der Reflexion ist: Das Tagebuch. Ich verstehe das Tagebuch übrigens nicht als Chronik, in der akribisch eingetragen werden muss, was man wann gemacht hat und mit wem. Für mich ist das Tagebuch eher ein Schwamm, der alles Mögliche aufsaugt, was sich an Gedankenströmen ergibt. Hier finden Splitter, Fragmente, Unausgegorenes, Silbenschnipsel, herbeitaumelnde Wortfetzen, Halb-Ideen und Dreiviertel-Ideen, Beobachtungen und Notizen zu Dingen, die nicht vergessen werden dürfen, einen Platz. Das Tagebuch ist der Ort, wo ganz in Ruhe etwas heranwachsen kann, weil es keine Eile gibt, das Geschriebene sofort zu veröffentlichen - oder eben ins Internet zu stellen oder sofort irgendwo einen "Like"-Knopf zu drücken.
Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht." Aber die Online-Auseinandersetzung mit Inhalten beschleunigt so sehr, dass man oft überhaupt keine Zeit und keine Muße hat, vorher darüber nachzudenken. Weder über die Sache selbst, zu der man sich äußern will, noch zu der Frage, ob überhaupt eine Notwendigkeit besteht, sich zu äußern ...
Das Tagebuch verlangsamt. Es ist eine Art Sämlingskasten. Zum Bewusstwerden. Zum Zu-Atem-Kommen. Zum Nachsinnen. Zum Träumen. Man kann wunderbar sammeln, herumsuchen, alte Fragmente aufgreifen, neu überdenken, ergänzen, erneuern, verwerfen. Irgendwann, vielleicht, entsteht etwas daraus. Aber es muss auch nichts draus entstehen. Die versunkenen Städte kommen sowieso dann an die Oberfläche, wenn es ihnen selbst passt.
Wer das Tagebuch so versteht, braucht sich auch keine Gedanken zu machen, wie man es richtig schreibt. Es gibt kein "Richtig" und kein "Falsch". Es braucht keine ausgefeilten Sätze oder korrekte Rechtschreibung. Es darf aus Abkürzungen bestehen, inklusive Skizzen, Zeichnungen, Farbkleckse. Strukturen werden hier nicht vorgedacht, sondern sie entstehen.
Die ideale Übung für Autoren, oder? Denn Geschichten sind wie Gras: Den Winter über sehen sie grau und braun und matschig aus. Dann kommt der Frühling, und irgendwie ist plötzlich alles grün und man wundert sich, wo das jetzt herkommt ...