Montag, 30. Januar 2012

Über Kritik - ein Gespräch

Vor einiger Zeit am Rande eines Schreibseminars. Ich führte ein Gespräch mit Hanne*, Stefan* und Sina* (Namen* geändert). Es ging zunächst um einige unschöne Erfahrungen mit Kritik, die Stefan machte, nachdem er seine erste Kurzgeschichte veröffentlich hatte.

Stefan:
Ich habe mich total angegriffen gefühlt. Vor allem in diesen Internetforen. Einige lobten die Story in den höchsten Tönen, andere machte sie runter.

Sina:
Das ist doch normal, oder? Die Geschmäcker sind eben verschieden ...

Hanne:
Ja, aber Geschmack allein ist nicht die Grundlage für eine richtige Kritik.

Friederike:
Stimmt. Eine Kritik oder eine Rezension ist ein bisschen was anderes als ein simples "Mir gefällt's" oder "Mir gefällt's nicht". Um eine Kritik zu schreiben, braucht es Handwerk. In Internetforen sind viele begeisterte Leser unterwegs, die Spaß daran haben, ihre Leseerfahrungen zu teilen. Aber als Autoren sollten wir uns darüber klar sein, dass es in diesen Kreisen nicht um eine Kritik im wirklichen Sinne geht.

Sina:
Ich finde, als Autorin sollte ich alle Leser achten: Die, die meine Sachen mögen, und die, die sie verachten, auch.

Friederike:
Gute Einstellung!

Hanne:
Bei mir war es so, dass ich mit einer Story in einem Literaturmagazin angefangen habe und dann recht flott weitere Geschichten untergebracht habe, in Magazinen und so. Die hatte ich über Jahre geschrieben, also Stoffe entwickelt, dran gearbeitet, überarbeitet. Und plötzlich fielen die "Rezensenten" über mich her und behaupteten, ich würde zu viel schreiben, da müsste die Qualität ja abnehmen.

Stefan:
Aber es traf ja gar nicht zu. Dass die Qualität abnahm, meine ich.

Hanne:
Ich will sagen, sobald du in kurzen Abständen was publizierst, fragt keine mehr, wann und warum das entstanden ist, sondern sie sehen, aha, vier Storys in einem Jahr, das kann ja nichts sein.

Friederike:
Die Vorwürfe kenne ich. Aber ich sehe es anders. Jemand kann gern vier Jahre für eine Kurzgeschichte brauchen. Ist die Story gut, lag es mit Sicherheit nicht an der Länge der Schreibzeit.

Stefan:
Eben. Übung macht den Meister. Wer viel schreibt, lernt viel. Ich versuche, eine Kurzgeschichte pro Monat zu schaffen. Ich habe eine Liste mit Themen, die mich faszinieren. Daran orientiere ich mich. Ständig kommen neue Notizen über andere Stoffe hinzu.

Hanne:
Ja, alles Schreiben schult. Jeder Stil. Du kannst auch Tagebuch schreiben, Gedichte, egal was. Hauptsache, du schreibst.

Sina:
Apropo Stil. Ich hatte ein paar Gedichte in einem Literaturmagazin. Und dann etwas später eine Kurzgeschichte. Die Gedichte fanden alle gut. Aber über die Geschichte zerrissen sich die Leser das Maul. Nicht alle, aber das war schon auffällig.

Hanne:
Warum?

Sina:
Die schrieben, ich käme mit der Kurzgeschichte einfach nicht an die Qualität der Gedichte heran.

Stefan:
Aber das sind doch zwei Paar Stiefel.

Friederike:
Und auch unterschiedliche Zielgruppen!

Sina:
Eben. Wenn einer die Gedichte mag, muss er ja nicht die Kurzgeschichte gut finden. Aber irgendwie lautete die Begründung fast schon, wenn eine Autorin gute Gedichte schreibt, kann sie ja bei Kurzgeschichten nur scheitern.

Hanne (lacht):
Sei froh, dass du nicht Science Fiction geschrieben hast.

Stefan:
Ein Autor kann mehrere Stile haben, oder? Wie ein Koch auch! Wenn du bei scharfen Suppen gut bist, scheiterst du beim Dessert. Das ist doch die Botschaft, die die Kritiker Sina reingerieben haben.

Friederike:
Deswegen nehmen sich viele Autoren für einen anderen Stil, eine andere Machart ein Pseudonym. Ich habe von Erfahrungen gehört, da schlackerten mir die Ohren. Autoren wurden unter ihrem eigenen Namen fertiggemacht, runtergedrückt, abgeschrieben. Sie rappelten sich auf und schrieben sehr erfolgreich unter Pseudonym.

Sina:
Das finde ich unverantwortlich. Den Kritikern ist gar nicht klar, was sie anrichten.

Hanne:
Ich persönlich finde Kritik schon wichtig. Ich nehme sie auch ernst. Wenn sie am Text entsteht und von diesem auch untermauert wird. Wenn begründet wird, warum eine Sache nicht gut ist.

Stefan:
Aber es muss auch in die Tiefe gehen, sich differenzieren! Man kann doch nicht die Perspektive, den Klang einer Geschichte, den Plot und die Charaktere in einem Aufwasch runtermachen. Das war bei mir so.

Friederike:
Ich nehme Kritik auch ernst. Dazu gehört, sie richtig einzuordnen. Die Frage ist ja, wer kritisiert. Manche Rezensenten kritisieren in einem gewissen Stil, um anderen Rezensenten zu zeigen, wie cool oder intellektuell sie sind.

Hanne:
Und die meinen dann, als Autor merkt man das nicht.

Friederike:
Weiß ich nicht. Vielleicht ist es manchen auch egal, ob ihre wahren Beweggründe durchscheinen. Ich habe meine Schwierigkeiten mit Häme. Erstens tut sie weh und verunsichert, zweitens sagt sie mehr über den "Kritiker" als über den kritisierten Text. Häme signalisiert immer Unzufriedenheit mit sich selbst.

Sina:
So habe ich das noch nie gesehen.

Hanne:
Dem Feuilleton wird nachgesagt, dass die Feuilletonisten nur für andere Feuilletonisten schreiben, aber nicht fürs Publikum.

Stefan:
Da wird wie immer viel Wahres dran sein.

Hanne:
Wenigstens das Handwerkszeug kann man voraussetzen. Beim Kritiker, meine ich. Der Autor muss seines ja auch beherrschen. Aber manche von diesen Meckerliesen können nicht mal rechtschreiben, und von Kommata haben die noch nie was gehört.

Friederike:
Ja, das stimmt, und in den Internetforen findest du viel Unausgegorenes. Aber man tut manch anderen Lesern Unrecht, die auch im Internet auf diversen Plattformen schreiben und sich austauschen. Denn viele meinen es auch sehr ernst.

Hanne:
Na ja, gut gemeint ist das Gegenteil von gut.

Sina:
Wie findest du heraus, ob etwas eine angemessene Kritik ist? Woher soll ich das wissen? Ich lese die Kritik und bin total unten und will nie mehr was schreiben.

Stefan:
Genau, das sollten sich diese mäkeligen Typen mal überlegen, wenn sie so was schreiben wie: Die Story von Stefan reicht natürlich längst nicht an Storys von Autoren wie X und Y heran. Warum? Warum längst? Warum natürlich?

Friederike:
Das ist ein Beispiel für eine wenig intelligent gemachte "Kritik": Man sollte schon erfahren, in welcher Hinsicht und bezogen worauf etwas nicht reicht. Vermutlich wolltest du eine andere Geschichte schreiben als X oder Y ...

Sina:
... und hast es getan! Und deine Geschichte hatte dann auch einen anderen Klang, andere Charaktere ...

Friederike:
Darum muss man Kritik einerseits ernst nehmen, andererseits aber in den Zusammenhang einordnen. Wer schreibt für wen zu welchem Zweck? Wie ist der Ton? Wenn es unhöflich wird, wenn mit Steinen geschmissen wird, Hohn und Spott ausgegossen wird, ist die Kritik auszusortieren unter dem Label 'dumm'.

Hanne:
Besser 'unzumutbar'.

Friederike:
Das auch.

Sina:
Ob da was Wahres dran ist, wenn man sagt: Alle Kritiker wären selber gern Schriftsteller, haben es aber nicht geschafft?

Stefan:
Schätze schon. Wobei Autoren ja selten über Kritik reden. Wir tun es jetzt. Aber die guten Rezensionen werden auf den Webseiten der Autoren verlinkt, die schlechten totgeschwiegen.

Friederike:
Der typische Bluff. Jeder tut lässig, als ginge ihm nichts nah. Das ist Selbstschutz und sicher notwendig. Aber wir wissen ja, dass es nicht immer so ist. Kritik kann unter die Haut gehen.

Sina:
Gute Kritik müsste immer eine Ermutigung enthalten. Der Begriff 'konstruktive' Kritik ist mir schon zu abstrakt.

Friederike:
Will einer von euch eine Geschichte über Kritik schreiben?

Stefan:
He, ich glaube, etliche große Namen haben das Thema schon beackert.

Sina:
Martin Walser.

Hanne:
"Tod eines Kritikers" war höchst umstritten.

Sina:
Und wenn die Reaktionen zu brodeln anfangen, heißt es, hier gibt es eine Menge zu sagen.

Friederike:
Eine Notiz für deine Stoffliste, Stefan!

Stefan:
Stimmt.

Montag, 23. Januar 2012

Kulinarische Pause ...


... mit Baklava, DER Zwischenmahlzeit für hungrige Autoren!

Dienstag, 10. Januar 2012

Kunstpausen 9


Worte sind Steine
Balance und Ton und Stimme
Charakterstärke

Montag, 2. Januar 2012

Noch 8 Minuten bis 12

Jetzt auf Brikada - ein fieser kleiner Krimi für Menschen mit starken Nerven ...


Sie, die es schon lange leid ist, hinter ihm herzuräumen und daneben zu sitzen, wenn er das Fenster an der Ampel runterkurbelt und rummotzt, sie, die nicht mal seine Tabletten herrichten darf, weil sie ja einen Fehler machen könnte, sie, die seine verächtlich verzogenen Mundwinkel, wenn er sie beim Lesen anschaut, nicht mehr aushält, die seinen guten Geschmack nie erreichen kann, die nie eine ernstzunehmende Gesprächspartnerin für ihn sein wird, sie, die nie versteht, was er an dieser Stadt so grauenhaft kleinkariert findet, wo sie doch eigentlich gern hier lebt, ...