Mittwoch, 8. Juni 2011

Sprache und Spannung - Sprache und Suspense

... zum neugierig Machen hier die ersten zwei Seiten aus meinem gleichnamigen Artikel, wie er in den Germanistischen Studien Nr. 10 erschienen ist:
(Germanistische Studien. Eine Zeitschrift des Vereins deutsche Sprache, Georgien. Begründet von Samson Karbelaschwili. Hrsg. von Lali Kezba-Chundadse und Friederike Schmöe. Tbilissi/Dortmund Nr. 10, 2010.)

Spannung, so sagt das Große Wörterbuch der deutschen Sprache[1], sei ‚auf etwas Zukünftiges gerichtete erregte Erwartung, gespannte Neugier’, aber auch eine ‚Beschaffenheit, die Spannung erregt’ (z.B. ein Film). Das Substantiv hat noch eine Reihe weiterer Bedeutungen, die an dieser Stelle jedoch nicht von Interesse sind. Das Adjektiv spannend referiert entsprechend auf ‚Spannung erregend, fesselnd’. Doch wodurch zeichnet sich diese Beschaffenheit, Spannung zu erzeugen, genau aus – alleine durch ihren Effekt? Als Leser merken wir, ob ein Text spannend ist oder nicht. Aber wie bewirken Autoren, dass er spannend wird? Wann ist etwas spannend? Diese Frage ist um einiges schwieriger zu beantworten.

Das englische suspense, ebenfalls ein Substantiv, bedeutet ‚uncertainty, anxiety’[2], also ‚Unsicherheit, Ungewissheit’ bzw. ‚Angst, Sorge, Beklemmung’.

Das deutsche Spannung erscheint im Vergleich mit dem englischen Wort nüchterner, enthält sogar etwas von (freudiger) Erwartung, während suspense düstere Konnotationen mitbringt, die Notion von Angst. Da es hier um das Thema Sprache und Emotion geht, sollen in vorliegendem Aufsatz auch beide Emotionen Raum bekommen: die Spannung – die (freudige) Erregung, das Lechzen nach Neuigkeiten, und die Suspense – die Angst, die Beklemmung. Zumindest Letzteres ist im nichtliterarischen Leben kein Spaβ – wer möchte gerne Angst haben und sich beklommen fühlen? Erleben wir diese Emotionen aber stellvertretend für eine literarische Figur in der Fiktion, genießen wir (sofern wir Krimileser sind) den Nervenkitzel und die Gänsehaut. Man spricht auch von wohliger Spannung. Warum aber ist Angst unterhaltsam? Entsteht der delightful horror[3], das vergnügliche Entsetzen, weil die Bedrohung aus sicherer Distanz erlebt wird? Ist die Angst, die wir im Krimi erleben, nur ein Witz? Eine Art Aha-Effekt des Gehirns, das sich freut, verstanden zu haben, worum es geht?

Ein drittes Nomen, das englischen Ursprungs ist und auch im Deutschen verwendet wird, ist Thrill ‚Nervenkitzel, Schauer, Erregung, Kick, Kitzel’[4]. Thriller ist die Bezeichnung eines kriminalliterarischen Subgenres (s.u.), das Verb to thrill steht für ‚mitreißen, begeistern, erregen, fesseln’.

Physiologisch gesehen ist Spannung die gelernte Verknüpfung eines eigentlich unkonditionierten Stimulus mit einem zunächst neutralen Reiz. Wird der Stimulus kontingent dargeboten und mit einem bestimmten Reiz (Gefahr!) verknüpft, wird beim Rezipienten eine konditionierte Reaktion hervorgerufen. Engel[5] nennt als nichtliterarisches Beispiel die Filmmusik aus Der weiße Hai (Regie: Steven Spielberg). Die Musik, dargeboten vor der Aufnahme einer glatten, sommerlichen Wasseroberfläche, ruft ein intensives Spannungsgefühl hervor, weil wir als Zuschauer gelernt haben, dass immer dann, wenn diese Musik gespielt wird, etwas Gefährliches geschehen wird. In einem Text wiederum, wo keine Musik zur Verfügung steht, müssen andere Elemente eingesetzt werden, um die Spannung zu konditionieren, stets neu hervorzurufen und aufrecht zu erhalten. Körperliche Symptome von Suspense sind Schweißausbrüche, beschleunigter Puls, angehaltener Atem, trockener Mund, Muskelanspannung. Sie decken sich mit den Symptomen, die in einer authentischen Gefahrensituationen auftreten. So gesehen simuliert ein spannendes Buch eine echte Gefahr. Das scheint der Knackpunkt zu sein: Der Krimi simuliert. Wir können uns ganz sicher fühlen in unserem Sessel. Nur zartbesaitete Seelen stehen während der Lektüre auf, sehen nach, ob die Kellertür verschlossen ist und kein Fenster offen steht.

Spannung und Angst sind Neurophysiologie und Stammesgeschichte. Angst lässt die Art überleben, weil nur die Angst den Menschen dazu bewegt, sich zu verteidigen oder sich in Sicherheit zu bringen. Ein stressbeladener Reiz aus der Umwelt erreicht über die Sinnesorgane und das Zentralnervensystem die Großhirnrinde und den Hypothalamus. Dieser gibt ein Signal an die Hirnanhangdrüse, die zentral sämtliche hormonproduzierenden Drüsen des Körpers managt. Der Körper schaltet auf Aufmerksamkeit und Kampf- oder Fluchtbereitschaft. Der Reiz führt letztlich zur Nebenniere, die einen Cocktail an Hormonen ausschüttet, welche die Alarmreaktionen des Körpers hervorrufen, darunter das Stresshormon Adrenalin. Physiologisch gesehen sind echte Angst und Krimi-Angst dasselbe ...

Quelle

[1] Duden, Das Große Wörterbuch der deutschen Sprache. Bd. 7. S. 3155.

[2] Oxford Advanced Learner’s Dictionary of Current English. S. 871.

[3] Vgl. Engel, Spannung. S. 10.

[5] Vgl. Engel, Spannung. S. 6.

Kommentare:

10uta02 hat gesagt…

Hallo Friederike, das ist ja interessant. Gibt es eigentlich Untersuchungen darüber, welche Menschen gerne Krimis lesen? Ich habe manchmal den Verdacht, dass das Leute wie ich sind, in deren Leben eigentlich alles gut geht - und die deshalb die Spannung im Krimi suchen... Lesen Leute, die viele Probleme haben, lieber Heile-Welt-Geschichten? Also, schreib bitte weiter Krimis ;-)
LG Uta

Friederike Schmöe hat gesagt…

Hallo Uta, ich nehme schon an, dass es auch dazu Untersuchungen gibt. Habe aber noch nie aktiv danach gesucht ... Der Krimi ist aber anscheinend das stärkste Segment im Belletristikmarkt.
LG, Friederike