Sonntag, 31. Oktober 2010

Schreiben und Panik

Schreiben und Kreativität an sich haben eine Menge mit unseren unausgekochten Gefühlen zu tun. Ich bin ja immer auf der Suche nach Antworten auf die Frage: "Wo kommt unsere Schaffenskraft her? Unsere Schaffenslust, unsere Schaffensfreude?"
Schreiben und kreatives Schaffen - beides habe ich schon seit langem unter neurologischem Blickwinkel betrachtet, unter linguistischem und schriftstellerischem sowieso. Letztlich auch unter dem der Lehrenden, die ihre Studenten und Workshopteilnehmer ermutigt, auf die Suche nach der eigenen Stimme zu gehen. Und nun stellt sich heraus: Wieder habe ich dabei nur ein paar Steine des Mosaiks poliert. Anders gesagt: Ich male immer neue Bilder, die mir erklären sollen, woher die Kreativität kommt, was sie antreibt, warum sie sich manchmal verflüchtigt und wann, und wie man sie wieder zurückbekommt.

Dann lernte ich neulich eine Schamanin kennen. Das Treffen war ohnehin beeindruckend, aber es führte vor allem zu einer Ansammlung eigentümlicher Fragmente in meinem Kopf, die dort nun auf einer Art Garderobenstände übereinandergeworfen sind wie ein Stapel eilig abgestreifter Theaterkostüme:

Kreativität hat mit Angst zu tun. Denn Angst bedeutet in der schamanischen Weltsicht nicht, dass du vorsichtig sein und etwas nicht tun solltest, sondern Angst weist lediglich darauf hin, dass du dich auf etwas Neues zubewegst.

Kreativität hat mit Trauer zu tun. Trauer signalisiert: Du verlässt etwas. Dazu braucht es Mut, die Trauer will ausgehalten werden. (Womöglich erklärt sich so auch die läuternde Wirkung trauriger Bücher? Hm.)

Kreativität hat mit Sehnsucht zu tun. Sehnsucht sagt: Es fehlt etwas. Die kreative Arbeit lässt etwas entstehen, um die Sehnsucht zu füllen oder zu stillen. (Falls das möglich ist.)

Kreativität hat mit Freude zu tun. Wer Freude empfindet, weiß: Er ist auf dem richtigen Weg. Hier geschieht etwas Eigenes, genau Richtiges.

Es ist mir eine Freude, diese wenigen Gedankenfasern mit Euch zu teilen. Sie werden sich vermutlich sortieren, erklären, neu falten, und dann gibt's eine neue Nachdenkrunde.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Wortfreie Inspiration





Bildrechte: Friederike Schmöe/2010

Dienstag, 19. Oktober 2010

Haben Sie jemals frei?

Das war eine der intelligentesten Fragen, die mir jemals auf einer Lesung gestellt wurden. Zugegeben, da kommen oft tolle Diskussionen auf, und viele Fragen bleiben im Raum, die ich mit nach Hause nehme, um dort weiterzudenken. Aber auf "Haben Sie jemals frei?" konnte ich ohne Zögern sofort antworten: "Nein. Nie."
Nächste Frage: "Ist das gut oder schlecht?"
Antwort: "Beides."

Ist das so? Tatsächlich sind meine Figuren und Geschichten immer bei mir. Sozusagen Parallelgesellschaften in Reinform, denn ich schreibe ja nie nur ein Buch in einem Zeitraum, sondern mindestens zwei, außerdem gibt es da Kurzgeschichten, die sich aus dem Kokon schälen, ein Buch, das ich gerade für Lesungen aufarbeite und zurechtschnitze, eventuell noch die Fahnen eines Romans, der demnächst in Druck geht, und dann ein Exposé für ein neues Projekt, das abgegeben werden will.
Meine Gedanken kreisen ständig um einen Plot, eine Handlung, eine Wendung in der Geschichte, die sich noch nicht recht krümmen will. Um die Frage, ob ein Kapitel nötig ist oder nicht, und wo das Salz in der Suppe bzw. der Szene verborgen ist. Da ist ein Charakterzug schärfer herauszuarbeiten; das zentrale Lebensproblem einer Figur zu fokussieren; ein passender Übergang zu finden; die eigene Stimme zu klären ...
Man ist nie fertig! Wenn ich das Manuskript endlich abgebe, wenn ich Druckfreigabe erteile, dann habe ich im Hinterkopf: Sorry, Leser, sicher wäre das eine oder andere noch zu verbessern, zu ändern, logischer zu machen, zu kürzen oder zu ergänzen, aber nun ist der Punkt, wo die Überarbeitung das Buch als Ganzes nicht unbedingt besser macht. Sei's drum.

Es ist gut, immer beschäftigt zu sein. Autoren entwickeln die Welt. Sie bauen sie, schmieden und basteln sie, brauen Geschichten und unterhalten damit nicht nur die Leser, sondern auch sich selbst. Ich kenne keine Langeweile. Kann auch ganz gut eine Verspätung in der Bahn ertragen - ich kann ja schreiben, mir was ausdenken, weitergrübeln.

Allerdings: So viele Stimmen im Kopf können anstrengen. Wie es in der wirklichen Welt nervt, wenn zu viele Leute durcheinander reden, so kann es auch beim Schreiben und Fantasieren unangenehm sein, wenn die Figuren sich zu häufig und zu hektisch zu Wort melden. Aber anders als die Typen in der Realität kann man die literarischen Buzzers ganz gut ausschalten. Man beginnt eine neue Geschichte mit neuen Leuten, unbeschriebenen Blättern (!) und lässt mal schnell das Geschrei und die Ideen aufs Papier fließen ...

Samstag, 16. Oktober 2010

Fetzen und Fragmente

Inter2naut hat mich zu diesem Beitrag angeregt. Es geht um Unfertiges, vermeintlich nicht so Gutes, Unperfektes, Fragmentarisches, Zerrissenes, Abgegriffenes wie Abgewetztes - kurz: um all die Schönheiten auf dem langen Weg zum Text, an denen man sich entlanghangelt, bevor der Text ein Text ist.
Fetzen und Fragmente sind wie ein Waldspaziergang im Herbst. Du sammelst. Sackst ein, was sich zeigt, was schräg, krass, wirr, ulkig, drollig, versehrt, besonders ist. Zu Hause schüttest du die Schätze auf den Küchentisch und checkst ab: Was lasse ich, was nehme ich weg, für meine superduper ultimative Herbstcollage?
Ein Hindernis beim Schreiben und bei allem künstlerischen Schaffen besteht darin, dass wir allzu gern zum Vorabzensor unserer eigenen Kreativität werden. Wir sagen: Das da ist zu schlecht, zu schmutzig, zu doof, zu abgeschmackt, zu klischeehaft, zu kitschig, ungeeignet und einfach dumm. Deswegen ist es manchmal gar nicht so schlecht, irgendwo draußen in der Natur Sachen zu sammeln. Weil die Schönheit, die Anziehungskraft, das Spezielle im Detail, im Verworfenen und Beschädigten steckt.
Die Ermutigung lautet: Leg alles, was du eingesammelt hast, auf den Tisch. Guck dir alles genau an. Dann setze Akzente. Nimm weg und füge an. Ordne neu.
Und das war's dann auch schon.
Hier ist übrigens noch ein toller Artikel von Tara Sophia Mohr über den inneren Künstler.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Süßer der Punsch


O.k., ich meckere gern über Septemberlebkuchen in den Supermärkten. Was mich nicht davon abhält, meinen eigenen, bitterbösen Beitrag zu diesem Advent zu präsentieren: Der literarische Adventskalender 2010! Ein Mordfall, zu klären in 24 Tagen, Start am 1. Dezember und Ende am 24. in der Mette im ... o.k. Have a break, have a Krimi!
"Süßer der Punsch nie tötet" - Ein bitterböser Krimi zum Advent. Mit Privatdetektivin Katinka Palfy in der Hauptrolle. Meßkirch, Gmeiner 2010. ISBN 978-3-8392-1090-1
Adventszeit in Bamberg. Privatdetektivin Katinka Palfy hat die Nase voll von Tiefkühlkost und besucht einen Weihnachtskochkurs bei der italienischen Starköchin Caro Terento. Doch während Katinka und die anderen Kursteilnehmer am Herd stehen, fällt plötzlich eine Frau tot um. Ein Alptraum für die berühmte Köchin! Auf der Suche nach Mörder und Motiv folgt Katinka einer nach Salbei und Knoblauch duftenden Spur durch das vorweihnachtliche Franken ...

Dienstag, 5. Oktober 2010

Tschaikowsky

Da ist keiner wie er. Niemals.
Ein traumverlorener Moment am Schreibtisch. Neues Exposé steht an. Irgendwie geht nichts. Oder noch nichts Richtiges. Figur ist klar, Setting ist klar, Thema so halb (oder nein, noch gar nichts). Erzählperspektiven? Naja, ansatzweise geklärt. Die Warums für das Tun meiner Protagonisten liegen im Dunkel der Fantasie verborgen, die sich leider noch sehr am Riemen reißt. Der Plot - wenn es einen gibt - dämmert vor sich hin.
Was also tun? Spazierengehen, am Fluss, damit alles eben genau dahin kommt, "in Fluss"? Kaffee trinken, um den Herzschlag zu verunregelmäßigen?
Nein.
Musikothek durchsuchen.
Da hilft nur einer: Tschaikowsky.
Warum er? Vielleicht liegt es an dem unbändigen Wechsel der Stimmungen, die mich durchströmen, wenn ich seine Musik höre. So ist ihr Wesen: weich - hart - brutal - rasant - ganz leiseleiseleise ... Die rütteln an den Pforten der Imagination. Machen die Pferde scheu. Stellen die Dinge auf den Kopf. Endlich! Das ist wie im Krimi: Spannung und Lösung. Lust und Unlust. Aufregung und Beruhigung. Dann die große Erfüllung: Alle Gefühle taumeln zur Läuterung, hinein in den großen Strom, der so träge wie unerschrocken dahinfließt und alle Schlacken mit sich schwemmt.
Dramatisch.
Wie in einem guten Buch eben.
Da ist Entwicklung, da ist Werden.
Danke bestens, Pjotr Iljitsch!

P.S. ... und besonders für das Allegro moderato im Violinkonzert Nr. 35