Donnerstag, 30. September 2010

Baut die Welt!

Schreiben ist nicht nur langwierig, sondern einsam. Man muss sich zwangsweise permanent selbst in den Hintern treten, und das ist anatomisch so eine Sache. Deshalb ist es einfacher, jemand anderem in den Hintern zu treten. Und in dem Kontext gibt es das Mentoring-Programm der Mörderischen Schwestern. O.k., dabei geht es nur fiktional um Gewaltanwendung, aber das In-den-Hintern-Treten kann sich auch "Motivation" nennen, und dafür haben wir Schwestern ein Programm: Das Mentoring. Eine "Ältere" nimmt eine "Jüngere" unter ihre Fittiche und arbeitet mit ihr gemeinsam an einem Krimi-Projekt. Die Jüngere (künftig Mentée genannt) bewirbt sich mit Exposé und Textprobe, die Ältere (die Mentorin) sucht sich aus, mit wem sie für ein Jahr kooperieren möchte.
So weit, so gut. Ich habe mich drauf eingelassen, weil ich eingeladen wurde, ohne eine genaue Vorstellung zu haben; doch ich hatte Lust, mehr von unseren Schwestern kennenzulernen. Mentoring ist nicht gedacht als Werkstatt der Kritik (obwohl ich dabei bleibe: Kritik IST eine Kunst, auch wenn nur noch sehr wenige diese Kunst ausüben (können)), sondern als ein Prozess, in dem man gemeinsam das Geheimnis guter, spannender Texte lüftet. Plötzlich bekam ich von meiner Mentée mehrere Kapitel ihres Romans - und verstand mit einem Augenaufschlag, wie es ist, am anderen Ende der Nahrungskette zu sitzen. Auf dem Stuhl der Lektorin oder Agentin, die entscheiden muss, ob sie den Text, der ihr zugeschickt wurde, annimmt. Auf der Seite der Mentorin, die nun sachlich begründen muss, warum sie das Kapitel gut findet oder nicht und was daran vielleicht nicht passt, und wo die ausgelegten Spuren sich noch nicht so richtig treffen. Erster Lerneffekt für mich, die Mentorin.
Ein ganzes Jahr ging das so: B. schickte mir Texte, und ich las, überlegte, grübelte, unterbreitete Vorschläge. Dank Flatrates konnten wir telefonisch auch eine größere räumliche Distanz ohne finanzielle Schäden überbrücken. Ich habe gelernt, was anscheinend an jedem Text (auch an meinen eigenen) immer noch verbesserungsfähig ist:
  • Der Plotaufbau ist nie ausreichend klar gezeichnet, wenn das Opus noch in der Mache ist. Und selbst, wenn es fertig ist, kranken viele Werke an wirren Seitenlinien und Nebenplots, die nicht richtig dazupassen, in die die Autorin sich aber vernarrt hat, und die sie nicht rausschmeißen will.
  • Die Figuren können immer noch schärfere Konturen vertragen. Und noch schärfere. Und NOCH schärfere!
  • Die Handlung sollte nun aber wirklich ein bisschen schneller zum Punkt kommen. Allez!
  • Jene Szene braucht eine gewisse Relevanz für das Ziel, auf das die Handlung zustrebt. Nicht nur eine gewisse. Sie BRAUCHT Relevanz.
  • Daraus ergibt sich: Jede Szene muss ein bisschen stärker, heißer, dringlicher sein als die vorangehende.
  • Erzählen aus wechselnder Perspektive eignet sich nicht für Anfänger.
Wer mit einer Mentée gemeinsam an einem Text baut, baut die Welt. Nicht weniger. Und da diese Erfahrung so erfrischend war, werde ich demnächst in einem Tandem schreiben - ohne bisher zu ahnen, was mich erwartet.

Dienstag, 21. September 2010

Sax'n Crime

Grooven! Gruseln! Hat was miteinander zu tun, oder?
Naja. Ich sitze im Shamrock und denke darüber nach. Meine Autorin hat zur Zeit die musikalische Phase. Lädt einen Saxofonisten ein, mit ihr die Lesungen ihres Adventsbuches zu gestalten. Kommt gut an, schätze ich. Die beiden sind nämlich ein eingespieltes Team.
Klar. Mit dem Titel "Sax'n Crime" lockst du eben mehr Zuhörer als mit dem drögen Hinweis, dass in der Buchhandlung Sowieso eine Lesung aus dem Roman Trallalla stattfindet. Das Sitzen zwischen Regalreihen ist ohnehin nicht mehr der Hit. Meine Erfahrung, gebe ich zu. Ich genieße es ja, mich ganz hinten hinzusetzen und zu lauschen und mich nicht als Hauptfigur zu erkennen zu geben. Nicht mal meine Autorin bemerkt mich! Ich bin eben ein Geist, ein Ghost, gestatten, Kea Laverde, und ach ja, Sie wissen ja bereits.
Der Saxofonist ist ein cooler Typ, Englisch- und Musiklehrer und mit Literaturklimbim hat er nicht so viel am Hut. Wir haben neulich darüber gesprochen. Nichts einschläfernder als die typischen Deutschlehrerfragen: "Was hat der Autor damit sagen wollen" - und all dieses Blabla, das meine Autorin auch nicht mag. Schmöe sieht Krimis und Literatur ja überhaupt als etwas, das nicht in die Hände von Lehrern gehört. Aber das würde sie (in der Öffentlichkeit!) natürlich total abstreiten.
Habe mir ja manchmal schon überlegt, ob ich nicht mal ihre Handynummer wähle, während so einer Lesung, und schaue, wie sie reagiert. Aber wenn sie mit Oliver Herrmann am Sax auftritt, kriegt sie den Klingelton garantiert nicht mit. Der kann nämlich draufhauen, und das wird ein Riesenspaß ...
... freut sich schon
Ihre
Kea Laverde

Donnerstag, 16. September 2010

Literaturklimbim

Nein, zum Henker. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Ich habe auch keine Message. Ich habe einfach dieses Buch geschrieben. Habe ein paar fantastische Leute kennengelernt und bin ihnen gefolgt, einfach eine Weile neben ihnen hergegangen und habe ihren Gespräche gelauscht, in ihre Schlafzimmer gelinst und zugesehen, wie sie in der Badewanne lagen und ihre Speckfalten zählten. Ich fand die Typen sympathisch, krass und ein bisschen schräg, und weil ich hoffnungslos hypergraphisch veranlagt bin, habe ich die Story geschrieben.
Zufrieden?
Ich weiß nicht, ob ich mein Buch interpretieren muss. Vielleicht kann das jemand anderes machen. Ich schaffe die Kunst, und andere schreiben über sie. Einverstanden? Eine sinnvolle Arbeitsteilung. Sorry, liebe, verehrte Deutschlehrer und Literaturwissenschaftler, aber ich habe schon in der Schule keine Lust gehabt, jeden Satz zu zerlegen, um eine versteckte Absicht des Autors zu finden, und heute weiß ich sicher: Die meisten Sachen, die ich in meinen Büchern mache, geschehen von selbst. Einfach so. Da schleichen sich Figuren, Schusswaffen und Getränke ein, von denen ich keine Ahnung hatte, dass es sie gibt, noch dass sie irgendeine andere Bedeutung haben könnten, als den Leser zu unterhalten und ihn zum Lachen und zum Heulen zu bringen. Vermutlich hat der Zufall die Ideen geboren. Oder mein Unterbewusstsein. Oder es gibt da einen Generator in meinem Hirn, der abgefahrene Details hervorbringt ... Ich weiß es nicht und ich will es nicht wissen. Punktum.

Sonntag, 12. September 2010

Stereotype

Sie sind manchmal ganz witzig. Stereotype, meine ich. Es gibt eine ganze Reihe davon, die die nichtschreibende Welt über Schriftsteller hat; bislang finde ich die meisten ganz lustig. Irgendwie sind sie ja ein schöner Anlass, um eine nette Geschichte zu erzählen. Mitunter nerven Stereotype aber auch. Man hat das Gefühl, irgendwie in eine Schublade gesteckt zu werden. Auch damit kann man noch leben, doch wenn die Schublade geschlossen wird und ein Etikett draufklebt, ist alles zu spät. Ursprünglich wollte ich das Thema Kea Laverde überlassen. Als Ghost kann sie, so hoffe ich, durch Wände gehen und die Schublade verlassen, um sich am Tresen im Shamrock ihre rücksichtslosen Gedanken zu machen. Aber sie wollte nicht.
Also muss ich selbst dazu was sagen. Hier sind welche; altbekannte (?) Stereotype über Schriftsteller:


"Autoren schreiben nachts, wie im Rausch. Dazu trinken sie eine Flasche Rotwein."
Uff. Das werde ich mitunter auf Lesungen gefragt. "Schreiben Sie nachts?"
Nein. Nachts schlafe ich. So hoffe ich. Schlaflos Nächte sind nicht so meins.
Schreiben hat mit zielgerichtetem Handeln zu tun, mit Disziplin und mit Durchhaltevermögen. (Nein, das widerspricht nicht dem kreativen Anteil an der schriftstellerischen Arbeit!) Deswegen passt es auch mit dem Alkohol nicht. Mag sein, dass Hemingway gebechert hat, aber die Frage wäre dann, in welchem Stadium er dann schrieb. Ein Glas Wein mal am Abend, um einen ersten Entwurf durchzulesen, das ist was anderes. Aber das Schreiben von Szenen, die - stringent - auf ein Ziel zulaufen sollen, braucht absolute geistige Klarheit.

"Autoren schreiben ein Buch; dazu brauchen sie vielleicht ein Jahr. Dann geben sie das Werk dem Verlag und schreiben ein Neues."
Danke für dieses Stereotyp! Denn es brachte mich zum Nachdenken, was ich eigentlich den ganzen Tag mache ... Also: Ich entwerfe ein Exposé für ein neue Buchprojekt, das bekommen Agentin oder Lektorin. Nach dem OK oder diversen Verbesserungsvorschlägen schreibe ich eine Leseprobe. Auch diese wird überprüft und - möglicherweise nach eingehender Korrektur - für gut befunden. Dann schreibe ich das Buch. Ich recherchiere zu Themen, die das Buch berühren, und verreise auch mal, wenn es nötig ist, um interessante Experten zu befragen oder eine Gegend besser kennenzulernen. Währenddessen beantworte ich Anfragen von Lesern, Veranstaltern, die eine Lesung buchen wollen, organisiere Musiker als Begleitung, plane die Lesungen und bereite sie vor, schicke die zu lesenden Texte an die Musiker, damit die sich auch vorbereiten können. Schließlich fahre ich zur Lesung, lese, übernachte oder fahre nachts heim, und sitze am nächsten Tag wieder am Schreibtisch. Dort schreibe ich neben gruseligen Geschichten auch Rechnungen, tüte sie ein und verschicke sie. Ich erledige jeden Monat meine Buchhaltung und überweise brav die Mehrwertsteuer. Ich blogge und twittere, um mit den Kollegen in Kontakt zu bleiben und mir dort Inspiration zu holen. Nehme am Krimiautorenstammtisch teil. Auf Einladung komme ich zu Signierstunden. Ich bereite meinen Unterricht vor, für die Uni oder für Workshops, halte den Unterricht, muss/darf auch dafür verreisen, im Hotel übernachten, lerne neue Leute kennen und freue mich dran. Am Ende eines Semester bekomme ich stapelweise Arbeiten von Studenten zur Korrektur, die einen Schein haben wollen. Ich nehme immer wieder Kontakt mit Buchhandlungen, Schulen, Büchereien und anderen Leute auf, die als Veranstalter für Workshops oder Lesungen in Frage kommen.
Und dann schreibe ich eben wieder. Schicke den ersten Entwurf an Lektorin oder Agentin. Warte auf Rückmeldung. Arbeite die Vorschläge ein (oder auch nicht).
Zeitgleich plane ich neue Veröffentlichungen. Meistens bin ich mit der Planung ein Jahr voraus. Das Herbstprogramm 2011 sollte im Sommer 2010 schon stehen. Ich erhalte Verträge. Überprüfe und unterzeichne sie. Bekomme Anfragen für Kurzgeschichten und nehme, wenn möglich, alle interessanten Angebote an. In meinem Kalender sind Deadlines rot angestrichen.

"Der Autor schreibt los, wenn ihn die Muse küsst."
Mich hat auch noch nie nur ein einziger Muserich geküsst. Oder doch? Hm ... Also, ich schreibe einfach jeden Tag. Dazu setze ich mich an meinen Schreibtisch und lege los. Das meiste erledige ich sofort am Computer. Erste Entwürfe, kleinere Texte und Alternativen erarbeite ich auch mal auf Papier.

"Krimiautoren sind Leute, die ihre makabren Fantasien rauslassen müssen."
Ich bezweifle, dass Krimischreiber mutiger, abenteuerlustiger oder brutaler sind als andere Menschen. Wahrscheinlich sind wir auch keine furchtlosen Hitzköpfe. Ich denke auch nicht, dass wir mehr Sinn für das Makabre haben als viele andere, die nicht schreiben - aber wir thematisieren es. Wir sagen, zeigen das Unsagbare. "Das ist es, was einen Schreiber ausmacht: Er ist jemand, der die Probleme ein bisschen genauer kennt als andere", erläuterte Eugène Ionesco einmal.

"Was sagt eigentlich Ihr Mann dazu?"
Wozu? Dass ich einem Beruf nachgehe, mit dem ich Geld verdiene?
Vermutlich ist die Frage anders gemeint, und sie kommt meist von Frauen jenseits der 60. Darin klingt an, dass Schreiben etwas Halbseidenes, Skandalträchtiges und - Unnützes hat, das zu ertragen ein Mann schon eine gehörige Portion Toleranz braucht.
Also, mein Mann ist nicht nur ein geschätzter Testleser, sondern der Mensch in meinem Leben, der mich immer ungefragt und ohne Hinterfragen unterstützt. Das musste auch mal gesagt sein.

Also, mal sehen, was Kea von ihrem Stammplatz im Shamrock aus dazu zu sagen hat. Ich lade alle Kolleginnen und Kollegen ein, etwas über die Stereotype zu erzählen, die ihnen um die Ohren gehauen werden!

Montag, 6. September 2010

Nicht blutig kratzen!

Kreative Arbeit hat nichts damit zu tun, dass man sich blutig kratzt, um was aufs Papier zu kriegen - nope! Es darf weh tun, weil es eben manchmal schmerzhaft ist, etwas zu erschaffen; eine Geschichte, einen Text zu schmeißen, der immer irgendwie mit dem Autor selbst zu tun hat. Bisweilen wird man da an die Grenzen geführt, weil man stellvertretend mit den erfundenen Figuren durchs Land reisend die eigenen Schmerzen wieder erlebt oder haarscharf an ihnen vorbeiratscht.
Dennoch: Wenn kreative Arbeit, wenn Schreiben zu hart wird, wenn man sich die Arme wundkratzt, dann stimmt was nicht. Denn es bedeutet letztlich: Du gibst zuviel von dir. Du reißt auch noch das letzte Bisschen Schaffenskraft aus dir raus. Dann wird der innere Teich, wo die Ideen schwimmen, überfischt; oder er ist schon ganz leer, im schlimmsten Falle vertrocknet.
Alarmzeichen:
  • Der Gedanke "Ich kann nicht mehr" wird immer drängender, sobald man den PC hochfährt oder den Stift in die Hand nimmt.
  • Schreiben geht nur noch mit Droge (Wein, Kaffee, Whiskey, Zigarette).
  • Die andauernde Gereiztheit des Autors zerrüttet sein soziales Umfeld.
  • Keine Lust mehr zum Lesen.
  • ...
Darum brauchen Schriftsteller so dringend kreative Pausen. Weil die Ideen, die Schöpferkraft mit all ihren Facetten, sich wieder einstellen, sobald ein wenig Stille im Innern eingekehrt ist. Sobald du wieder das tust, wozu du gerade mal Lust hast, am besten aber was Ruhiges: einen Vormittag im Café abhängen und Kurzgeschichten lesen; am Fluss spazierengehen; schwimmen gehen; in der Hängematte schaukeln und Musik hören. Vielleicht sind andere Schriftsteller sozialer gestrickt, aber wenn ich mich buchstäblich leergeschrieben habe, bin ich am liebsten allein. Keine Verabredung, kein Smalltalk. Nein, ich will dann nicht daran gehindert werden, bei mir selbst zu verweilen.
Julia Cameron verwendet ein schönes Bild: Übergib dich dem Strom der Kreativität. Der Lebensfluss fließt dahin. Treib einfach mit. Klingt märchenhaft, doch sich diesem sanften Dahinfließen zu überantworten, hat mich noch jedesmal wieder auf die kreativen Füße geworfen. Vielleicht gehe ich deshalb so gern am Fluss spazieren ...