Montag, 30. November 2009

Über Charakterköpfe

Inspiriert von der Leserunde im Büchertreff habe ich über literarische Figuren nachgedacht. Darüber, was Leser an den Buchpersonen fesselt. Ich vermute, alle Autoren arbeiten zeitlebens daran, ihre Figuren stärker und glaubwürdiger zu machen. Das Sonderbare ist nur: Wenn eine Figur ein Charakterkopf ist, spüren wir das - aber sagen, welche Eigenschaften sie haben sollte, das ist nicht so einfach. Klar, sie braucht Ecken und Kanten, vielleicht eine dramatische oder traumatische Vergangenheit und so weiter. Keinen Pappkameraden, der nur dazu da ist, die Handlung aufrechtzuerhalten. Viele Leser genießen es, so nah wie möglich bei der Figur zu sein - in ihrem Kopf. Sie überall hin zu begleiten. Von anderen Lesern habe ich gehört, dass sie Figuren mögen, die auf Distanz bleiben. Oder ist es einfach Geschmacksache? Aber was ist dann "Geschmack"? Wird uns eine Figur durch die Art nähergebracht, wie sie spricht?
Kea Laverde ist nicht nett. Mit ihr ist nicht so leicht Kirschen essen. Trifft man sich mit ihr zu einem Cappuccino, könnte es sein, dass man genervt weggeht.
Ist Kea eine Antiheldin? Muss man den Helden lieben? Ich komme ins Grübeln ...

Sonntag, 29. November 2009

Über Kleinigkeiten

Ich habe ja schon als Schülerin meinen Deutschlehrern nicht geglaubt, dass Autoren sich über jede Kleinigkeit Gedanken machen ... Tatsächlich passieren eine Menge Dinge beim Schreiben. Vielleicht nennt man solche plötzlichen Kehrtwenden im Plot "Geistesblitze", keine Ahnung. Oft treten auch Figuren aus den Kulissen, die man gar nicht geplant hatte, die sich aber vehement aufdrängen. (Ist mir so gegangen mit Juliane Lompart, Kea Laverdes Freundin in der Ghostwriter-Serie.) Bei der Planung eines Krimis gehe ich durchaus akribisch vor, suche mir meine richtigen und falschen Spuren zusammen, lege sie aus, denke nach, wie ich den Leser (ja, Sie!) in die Irre führen könnte. Auch meine Figuren haben ein Vorleben. Aber in ihrer Vergangenheit lasse ich doch immer ein paar Lücken - weiße Flecken, die sich nachher beim Schreiben von selbst füllen, aus dem Augenblick, aus der Szene heraus, in der etwas Ungeplantes geschieht. Mit einem Mal darf eine Figur ein seltsames Hobby haben, ohne dass ich das vorher festgelegt hatte, oder eine andere schiebt unbewältigten Ärger mit der Schwiegermutter vor sich her, was mir bisher nicht aufgefallen ist. Auch die Autorin lernt ihre Charaktere im Laufe des gemeinsamen Lebens immer besser kennen - wie in der Wirklichkeit. Du bist Jahre mit jemandem befreundet, bevor du über die Abgründe in seinem Leben informiert wirst. Und dann outen sich die Leute ebenso ungeplant. Weil es sich eben gerade richtig anfühlt ...

Donnerstag, 26. November 2009

Über Unterholz

Woran es bloß liegt: Hat uns die Schule wirklich so versaut? Versaut uns die Universität noch weiter? Die Kritiksucht, das Ellenbogendenken, der Zynismus, das Konkurrenzgerangel?
In nahezu jedem Schreibseminar kriegen Teilnehmer die Krise, weil das, was sie in den Laptop tippen oder aufs Papier kritzeln, nicht augenblicklich ihren Ansprüchen an sich selbst genügt.
Sie meinen, sich unverzüglich, nach einem einzigen Seminarwochenende, in die Wipfel des literarischen Waldes aufschwingen zu müssen. Von Dickicht, Gestrüpp oder Waldboden will niemand etwas gehört haben. Dabei gedeiht alles Leben erst im Unterholz. Dort nähren sich die Tiere des Waldbodens, und da passieren die interessanten Dinge. Im Halbdunkel blubbert das Labor der Evolution, ohne Kontrolle durch nörgelige Altvordere, ohne Kritiker, Rezensionen und Google-Recherche, und dort ist Zeit und Gelegenheit zum Experimentieren, Ermutigen und Spielen. Egal, was dabei rauskommt. Dem Papier tuts nicht weh, dem doc-Dokument sowieso nicht, und ehrlich - ich liebe das Unterholz! Auch ich verkrieche mich ab und zu zwischen Kletten und Pfifferlingen, um etwas Neues auszuprobieren, zu testen, wie ich schreiben könnte, wenn ...

Dienstag, 24. November 2009

Warten auf die Wörter

Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück. Sagte Karl Kraus. In Schreibseminaren schlagen sich manche Teilnehmer den Kopf an der Wand wund, um das eine, passende Wort zu finden. Mark Twain sagte: "Der Unterschied zwischen dem passenden Wort und dem beinahe passende Wort ist wie der Unterschied zwischen Blitz und Glühwürmchen." Zitat Ende. Er hatte ja recht, der Mark Twain, und er hat überhaupt an der Sprache noch sehr viel Bemerkenswertes festgestellt. Aber Blitze (um bei diesem Bild zu bleiben) kann man nicht machen. Genausowenig wie man beschließen kann, in den folgenden drei Stunden zwei Geistesblitze zu haben.
Suchen Sie das passende Wort?
Nehmen Sie das erstbeste, das Ihnen einfällt, sofern es anschaulich ist und halbwegs auf das zutrifft, was Sie sagen wollen. Suchen Sie nicht nach Wörtern wie nach Ostereiern. Denn Wörter, die noch nicht aus unserem Kopf hervorgekrochen sind, haben die Angewohnheit, sich sehr effektiv zu verstecken. Dazu bietet das menschliche Gehirn mit allen seinen Furchen und Windungen im Dunkel des Schädels auch mehr als genug Gelegenheiten. Wörter sind Meister der Camouflage. Alle kennen wir das Gefühl, ein Wort auf der Zunge liegen zu haben. Aber es lässt sich weder aussprechen noch aufschreiben. Die Zunge wird richtig taub während der irrationalen Suche nach dem richtigen Wort. Wörter sind unzuverlässige Gesellen. Sagen wir, sie sind Künstlertypen. Sie kommen, wenn es ihnen passt, aber dann haben wir sofort Vertrauen zu ihnen. Und, ehrlich: Ich habe Respekt vor Blitzen, aber mit Glühwürmchen komme ich auch ziemlich gut aus.

Montag, 23. November 2009

Namensfragen

Tatsächlich wundern sich Leser über die Namen in meinen Büchern. Sind sie vielleicht zu ungewöhnlich, zu seltsam, zu zungenbrecherisch?
Ich habe Spaß an Ungewöhnlichem. Wenn eine Figur nicht so konventionell ist, braucht sie auch einen besonderen Namen. Kea Laverde zum Beispiel. Kea ist eine Kurzform zu "Alkea", dieses die friesische Version zu "Adelheid". Ich suchte einen kurzen, prägnanten Vornamen. Laverde mochte ich wegen seiner Klangfülle. So kam es zu Kea Laverde. Bei Katinka Palfy hat ihre Wienerische Herkunft eine Rolle gespielt. Palfy ist ungarisch, es gibt verschiedene orthografische Varianten, und Palfy erinnert mich immer wieder an das Café Palffy im Wien (und natürlich das Palais Palffy).
Namen sind Risikofaktoren, vor allem in Krimis. Eine Kollegin von mir bekam Post von einem Anwalt. Sie hat einen Helden erfunden, der Y heißt und in X lebt, und Z als Beruf gewählt hat. Blöderweise gab es in X einen echten Y (!), der auch als Z arbeitete. Dumm gelaufen, das Buch musste eingestampft und neu gedruckt werden. Mit einem anderen Namen für Herrn X.
Ich nehme mal an, das kann mir mit Kea Laverde nicht passieren ...

Sonntag, 22. November 2009

Irritiert oder fasziniert?

Beides ist ein guter Einstieg in ein neues Projekt. Was uns kalt lässt, wird wahrscheinlich auch nicht interessant. Wo wir aber die Stirn runzeln oder neugierig näher hinschauen, da kann was draus werden. Viele Anfänger lassen die Finger von Irritationen. Leider - denn dort gibt es viel zu holen. Was uns irritiert, lässt uns oft ein Leben lang nicht los. Doch wir umgehen diese Themen. Aus Angst, uns irgendwo den Kopf zu stoßen? Mit Scheußlichkeiten konfrontiert zu werden? Geister zu rufen, die wir dann nicht mehr loswerden?
Vermutlich. Menschen meiden gern, was ihnen nahegehen könnte. Was nahegeht, schmerzt zuweilen, und Schmerz mag man nicht. Künstler, Schriftsteller jedoch gehen mit Beharrlichkeit auf diese schwarzen Löcher zu. Nicht etwa, weil sie masochistisch veranlagt wären, sondern weil sie aus Erfahrung (oder Instinkt?) wissen, dass sie hier ihr nächstes großes Thema, ihr Buch, ihren Roman andocken können. Als sei der Schmerz ein Anlegesteg in einem riesigen See, und das Schiff, das dort anlandet, ein neues Buch, das den Schmerz, die Irritation mit an Bord nimmt.

Donnerstag, 19. November 2009

Fränkisch oder Deutsch?

Manchmal werde ich gefragt, ob ich eine fränkische Autorin sei. Hm. Ehrlich gesagt - keine Ahnung! O.k., ich lebe in Franken, aber - was wäre eigentlich eine fränkische Autorin? Definitiv schreibe ich nicht auf Fränkisch (obwohl mir mal ein Gerücht zu Ohren kam, ich sei Mundartdichterin - nein, bin ich nicht).
Schriftsteller definieren sich über ihre Sprache. Die Sprache ist das Arbeitswerkzeug, das Stimmungsthermometer, das Sicherste und Klarste und Verlässlichste, was wir Angehörige der schreibenden Zunft in Händen halten. Geschichten kommen und gehen, Figuren lugen hinter den Kulissen hervor, Leser zeigen und verbergen sich - doch die Sprache bleibt. Sie ist immer da. Sie ist Heimat, sie dient jedem Stil, jeder Machart, jedem Genre, in ihr lebt der Rhythmus einer Erzählung, schält sich der Plot eines Buches heraus, tanzen die Reime eines Gedichtes, kurz, sie ist das Materielle, mit dem unsere Gedanken sich in die Welt tasten - und sie ist ab und zu schon der Gedanke selbst, nicht nur ein Material wie Marmor oder Ton. Denn der Sprache haftet Geschichte an, geteiltes Erleben, Kultur, Verantwortung. Sie wandelt sich stets, wir verändern sie, ohne Absicht, ohne Plan.
Also, ich würde sagen, ich bin eine deutschsprachige Autorin. Was auch immer das jetzt wieder heißt ...

Mittwoch, 18. November 2009

Längste Krimilesung der Welt

... sie läuft noch bis heute, 19.00. Ich war gestern dran. War ein großer Spaß, ein wirkliches Vergnügen. Tolle Stimmung im Theater-Treff in Bamberg. Lag es an der freien, unsterilen Atmosphäre? Kommen und gehen können, wann man will, beim Zuhören essen und trinken nach Herzenslust, kein großes Gerede, denn es sollte ja ohne Pausen gelesen werden ...
Auch vorzulesen inspiriert manchmal. In diesem Sinne: Man lasse sich überraschen ...

Dienstag, 17. November 2009

Schreiben oder Joggen

Man kann danach süchtig werden. Nach dem Schreiben wie nach dem Joggen. Man merkt es an den Entzugserscheinungen: Hast du einen Tag nicht geschrieben, wirst du unruhig, gereizt und unleidlich. (Bei mir ist es übrigens mit dem Lesen genauso: Wenn ich einige Tage nichts zum Lesen habe, was mir gerade gefällt, werde ich ganz nervös.)
Manche Leute meinen, Autoren warteten auf die Inspiration, die sie vorzugsweise in nebligen Nächten überkomme, sofern ausreichende Mengen berauschender Getränke bereitstünden. Aber so arbeiten Professionelle nicht. Inspiration ist nämlich ein Nachtwanderer, auf den man nicht warten kann, wenn es darum geht, einen Text fertigzuschreiben, um damit Geld zu verdienen. Vielmehr ist es die Routine, die eine anfängliche (durch die Inspiration vergoldete) Idee zu einem Buch macht. Hinsetzen und schreiben. So einfach ist das. Und wie beim Joggen muss man sich erstmal überwinden - sich einen Stoß geben. Passionierte Läufer bauen ihre Schuhe so vor ihrem Bett auf, dass sie morgens quasi hineinfallen. Ich selbst stürze morgens über mein Notizbuch und beginne meinen Tag mit drei Seiten - egal, was sie enthalten, aber drei Seiten werden erstmal vollgeschrieben. Altmodisch, mit Kuli. Fehlt meiner rechten Hand diese Bewegung, dann stimmt etwas nicht. Genau, Gereiztheit, Nervosität. Die typischen Entzugserscheinungen. Was am Schreiben allerdings angenehmer ist als beim Joggen: Man kann die erste Tasse Kaffee des Tages schon beim Schreiben trinken.

Sonntag, 15. November 2009

Über Kreativität

Manchmal, sogar ziemlich oft, höre ich bei Krimilesungen das Argument: "Ich bin halt nicht kreativ." Es kommt von Zuhörern, ungefragt, aus heiterem Himmel, wie eine Entschuldigung. Ich frage mich, was die Leute damit eigentlich sagen wollen.
Meiner Erfahrung nach ist jeder Mensch kreativ. Der Homo sapiens ist ein zutiefst kreatives Geschöpf, sonst hätte er nicht so lange überlebt.
(Haie sind ja nun eine viel ältere Spezies, und ich höre schon die Frage: "Finden Sie Haie kreativ?" Nun, sie müssen es wohl sein, vor allem aber sind sie hervorragend angepasst an ihre Umwelt, was sie so überlebensfähig macht. Man bedenke, dass Haien, sobald sie einen Zahn verlieren, ein neuer Zahn nachwächst, und das bei einer dreireihigen Gebissanordnung! Die deutschen Zahnärzte wären über Nacht arbeitslos!)
Also, jeder Mensch ist kreativ. Die einen sind es in der Küche, die anderen im Garten, wieder andere bei der Beschäftigung mit einem Leichtkraftrad, und dann gibt es welche, die sind kreativ mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Dass viele nicht an ihre eigene Schöpferkraft glauben, mag mit unschönen Schulerfahrungen zusammenhängen. Aber diejenigen von uns, die das Erwachsenenalter erreicht haben, sollten allmählich die Verantwortung für ihre Schaffenskraft in die Hand nehmen. Kritzeln Sie auch immer so gerne auf einem Blatt Papier herum, wenn Sie in einer langweiligen Sitzung abhängen? Na bitte, da haben wir es. Kaufen Sie sich mehr Zimmerpflanzen, als Sie eigentlich benötigen? Stellen Sie Ihre Möbel öfter mal um? Haben Sie schon länger davon geträumt, ihr Bad scharlachrot zu streichen? Wieder und wieder und wieder hübsche Beweise für die Kreativität, die in jedem steckt, und die sich an den verrücktesten Stellen Raum verschafft. Kreativität ist ein riesiger, zeitloser Raum, in dem alles möglich ist - wenn man es zulässt.

Freitag, 13. November 2009

Über Frust

Ich hätte früher nie gedacht, dass Autoren v.a. eines brauchen: eine hohe Frusttoleranz. Da wir Schriftsteller unsere Produkte permanent einem Publikum überlassen, setzen wir uns auch beständiger Kritik aus. Kritik war früher mal eine Kunst, doch mittlerweile ist es eine feindliche Gesinnung geworden. Dabei lernen wir ja vor allem durch eine konstruktive, also gut begründete Kritik. Neulich nun habe ich eine Kollegin frustriert. Sie hatte mich um Kritik gebeten, ich habe ihren Text sorgfältig studiert und mir eine Menge Gedanken gemacht. Da sollte mehr Spannung rein, meinte ich, und manche Wendungen in der Handlung sind nicht ganz plausibel. Ich habe alles mit den entsprechenden Textstellen untermauert und auch einiges Positive dazunotiert: Dass ich die Figuren gut vorstellbar finde, und dass die Dialoge viel Witz enthalten. Dennoch war meine Kollegin frustriert, bejammerte die hunderte von Stunden, die sie mit ihrem Romanentwurf zugebracht hatte, und war der Ansicht, sie könne alles in die Tonne kloppen. Frustration trotz sachlicher Kritik, die eigentlich weiterhelfen soll?
Ja, so fühlt sich das manchmal an. Da muss man durch. Hilft alles nichts. Die Texte ein paar Tage liegen lassen und dann nochmal mit neuem Blick nachdenken. Sich in den Leser hineinversetzen und sich fragen: Wie kann ich diesem sympathischen Typen, der auf seinem Sofa lümmelt und meinen Krimi liest, noch mehr Lesevergnügen zuschanzen? Mit dieser Einstellungen ist die Frustphase leichter zu ertragen. Alles, was dazu dient, einen Text besser zu machen, ist immer ein Gewinn. Vielleicht, liebe Kollegen, tröstet das jeden von uns, wenn das Dunkel des Frustration uns gerade zu verschlingen droht ... Und außerdem sind wir doch Profis!

Dienstag, 10. November 2009

Über Themen

Themen findet man nicht, sie drängen sich auf. Von welchem bekannten Kollegen diese Aussage stammt, kann ich nicht mehr nachverfolgen. Stephen King jedenfalls sagte, Ideen lägen quasi auf der Straße, man müsse sie nicht finden, nur aufsammeln. Recht hat er! Manchmal allerdings werden die Themen einem sogar mundgerecht geliefert. So neulich während einer Krimilesung in Hildburghausen.
Einige sehr diskussionsfreudige Gäste interessierten sich nicht nur für das Leben einer Autorin, ihre Arbeit, ihre Bücher, sondern sie fütterten mich sogleich mit ungeklärten Todesfällen der Umgebung und historischen Rätseln. Etwas Besseres kann einem ja gar nicht passieren! Besten Dank an die Hildburghausener und bleiben Sie am Ball, bis Sie Ihre Ideen in meinen Büchern wiederentdecken!

Sonntag, 8. November 2009

Bloggen, dass es kracht!

Ich gebe zu: Bloggen ist was für Hypergrafiker. Das sind Menschen, die es einfach nicht lassen können, zu schreiben. Neurologen sagen, es hinge mit unserem Gehirn zusammen, genauer gesagt mit dem "Schläfenlappen", das ist jener Abschnitt des Gehirns, der in etwa hinter unseren Ohren liegt. Wir haben zwei davon, einen linken und einen rechten. Manchen berühmten Dichtern wird nachgesagt, sie seien nichts als Hypergrafiker (und ich habe auch schon gehört, dass kontemplativen Mönchen nachgesagt wurde, sie seien nichts als maulfaul - sorry, stammt nicht von mir). Keine Panik, Hypergrafie ist keine Geisteskrankheit, ist überhaupt keine Krankheit, solange sich nicht noch merkwürdige andere Symptome einstellen. Wer sich näher informieren will: In meinem Krimi "Januskopf" habe ich eine Figur auftreten lassen, die Hypergrafiker ist und noch einigen andere eigentümliche Leiden ihr eigen nennt. Fühlen Sie sich emotional unbeständig? Ist Ihr Gefühlsleben durchwuchert von religiösen und philosophischen Anwandlungen? Schwanken Sie zwischen Untergang und Ekstase? Nein? Dann bloggen, twittern, schreiben Sie, dass es kracht. Es ist o.k., es macht Spaß. Es schärft die Sinne. Und es kann zum Beruf werden ...

Freitag, 6. November 2009

Freunde des Nachtlebens

Das Leben als Krimiautorin bringt es mit sich, dass man viel am Abend unterwegs ist. Beziehungsweise in der Nacht. Und auch in abgelegenen Gebieten, die ich ohne eine Einladung zur Krimilesung womöglich nicht kennengelernt hätte. Schon gar nicht an einem düsteren Novemberabend. Ein Navigationssystem im Auto kann da schon von Vorteil sein und gute Nerven sowie ein muskulöser Begleiter, wenn man durch einsame Wälder in deutschen Mittelgebirgen kurvt. Wohlgemerkt, als Krimiautorin finde ich suggestive Plätze ja klasse, besonders wenn sie einen gewissen Spuk-Effekt mitbringen. So rollten wir neulich durch Thüringen. Auf der Rückfahrt von einer Lesung in einem durch Baustellen entstellten Ort. GPS gab angesichts der vielen gesperrten Straßen und Einbahnregelungen auf, und die Schilder, die zur Autobahn wiesen, rechneten uns auch den Umweg nicht vor, den sie aus unbekannten Gründen einkalkulierten.
Aber, was für eine stimmungsvoller Fahrt das war! Haarnadelkurven, Berg und Tal, Wald bis fast zum Mittelstreifen, Nebelfetzen, wir ganz allein.
Ganz allein?
Aber nein. Man soll sich ja nie zu sicher sein. Ein kleiner, neugieriger Trotzkopf mit rotem Fell wagte sich nah heran. Streckte seine spitze Nase aus dem Straßengraben hervor. Ein Fuchs, Abkömmling des in Literatenkreisen bekannten Reinecke! Und schon reifte da eine Idee. Mystery, Genremix, Krimi. Hm. Was wäre, wenn ...
... so ein Fuchs mal an einer Lesung teilnähme?

Donnerstag, 5. November 2009

Über Vorstellungskraft

Von Albert Einstein stammt das Bonmot, Vorstellungskraft sei wichtiger als Wissen. Womit er zweifellos recht hat. Vorstellungskraft ist die treibende Kraft des Forschers wie des Schriftstellers. Fantasie ist jedoch eine subversive Dame - vermutlich ist dies der Grund, warum sie in der Schule und an anderer Stelle, wo Behörden das Sagen haben, unterdrückt wird. Fantasie könnte gefährlich werden, sobald der sich der Fantasie Bedienende einen simplen Konditionalsatz bildet: "Was wäre, wenn ..." und seiner Vorstellungskraft einmal freien Lauf ließe. Auf diese Weise wurden Könige gestürzt, Mauern eingerissen und - Klischee! - Berge versetzt. Der Gedanke, was alles möglich sein könnte, lässt den Menschen erstarken. Er sieht plötzlich eine Chance zur Veränderung. Er entdeckt, dass er Macht erlangen kann. Da das eigene Leben ohnehin das einzige ist, was einem wirklich gehört, bedeutet Macht über dieses eigene Leben eine ganze Menge.
Obwohl Schulen und andere Institutionen versuchen, den in ihnen gefangenen Individuen die Fantasie abzutrainieren, gibt es ein paar ganz gute Methoden, um sie wiederzugewinnen. Letztlich braucht es dazu nicht einmal eine "Methode". Es reicht, gute Bücher zu lesen, so wenig wie möglich fernzusehen und - zu schreiben!

Mittwoch, 4. November 2009

Über Mut

Wie gewohnt entfalten sich die interessantesten Gespräche nicht im Plenum, zB während eines Workshops oder einer Tagung, sondern da, wo man mal eben nebenraus gegangen ist. (Und NEIN, ich meine nicht die Besenkammer!) So sprachen wir während eines Seminars zum "wissenschaftlichen Schreiben" in einer Ecke stehend über Mut.
Tatsächlich geht es beim Schreiben immer um Mut. Denn sobald auch nur ein Wort auf dem makellosen weißen Blatt oder Bildschirm erscheint, bin ich konfrontiert mit meiner eigenen Schwäche, meinem Unvermögen, dem fiesen kleinen Zensor im Kopf, genau, ich meine den mit dem grauen Anzug und dem pomadigen Haar, und der wedelt sofort mit dem Zeigefinger, mäkelt und nörgelt, schüttelt in Zeitlupentempo den Kopf und erinnert uns an unsere Lehrer. (Genau, und an die ersten, dramatischen Demütigungen unseres Lebens, die uns heute noch als schlappschwänziger Selbstwert nachhängen.)
Mut also. Wie oft habe ich in Schreib-Seminaren den Satz gehört: "Ich habe echt ne Menge Storys im Kopf und ich wollte immer mal einen Roman schreiben, aber ich habe einfach keine Zeit!" Pustekuchen, meine Lieben. Ersetzt "Zeit" durch "Mut", und Ihr seid der Wahrheit einen gewaltigen Schritt näher gekommen. Denn es geht immer um MUT. Zeit hat jeder, 24 Stunden am Tag, die stehen allen zu. Keiner hat mehr, keiner hat weniger. Aber Mut ist, wenn man sich hinsetzt, den Stift zückt und ein neu gekauftes Notizbuch versaut. Sich - sagen wir mal eine halbe Stunde am Tag - mit den eigenen Gedanken konfrontiert und feststellt: He, das kommt ja so ganz anders rüber, als ich wollte. Wenn man mit einer Hand schreibt und mit der anderen dem Zensor im grauen Anzug den Mund zuhält. Wenn man eine ganze Woche für 30 Minuten am Tag durchhält und sich nicht ablenken lässt, nicht Kaffee kochen geht, nicht anfängt, eine isländische Torte zu backen (bei Prüflingen ist dieses Ausweichmanöver sehr beliebt, denn isländische Torten sind so ziemlich die aufwendigsten Torten der Welt), nicht plötzlich feststellt, dass das Bad schon seit einem Monat nicht mehr geputzt wurde, und mit Wischmop und Desinfektionsspray ausrückt. Wenn Sie das schaffen, sind Sie ein mutiger Mensch. Strecken Sie anmutig den rechten Arm aus, führen Sie ihn in einem weiten Bogen zur linken Schulter und klopfen Sie zärtlich dreimal drauf: Eigenlob stinkt nicht, und ein anderer tut's eh nicht für Sie. Weder schreiben noch loben. Sie haben eine Woche lang jeden Tag eine halbe Stunde geschrieben: Sie sind ein mutiger Mensch.
(So ganz nebenbei: Das Bad hätten sie ohnehin geputzt, spätestens wenn die Schwiegermutter sich ankündigt ...)

Dienstag, 3. November 2009

Hardo gesichtet!

Bekam folgende E-Mail:

Zu KHK Uttenreuther kann ich eine Sichtung vermelden - sah ihn neulich mal allein im "Luitpold", wo er einen "Hubersepp" verputzte & in Caesars "Commentarii De Bello Civili" schmökerte; dann bekam er eine SMS & grinste vielsagend, grummelte etwas von "Sch...-roaming-Gebühren" & trollte sich.

Also doch, es tut sich was an der Palfy-Front ...

Montag, 2. November 2009

Wo ist Katinka?

Ehrlich, ich weiß nicht, wo sie steckt. Ich würde Ihnen ja gern eine üppigere Auskunft geben, aber ich weiß es wirklich nicht. Mein letzter Stand ist Ihrer! Sie hatte vor, an einer Ausgrabung in Nordafrika teilzunehmen, allerdings kam ihr dann ein höchst erfreuliches Ereignis dazwischen. Sie und Hardo haben es endlich geschafft, Klartext zu reden. Was allerdings aus den beiden geworden ist ... In Sachen Liebe und Emotion waren sie ja alle beide eher sperrig veranlagt. Von daher wäre es auch wieder nicht ganz unwahrscheinlich, dass Katinka ins Flugzeug gestiegen ist, um in Leptis Magna Archäologin zu spielen.
Manchmal habe ich den Eindruck, so eine literarische Figur möchte auch mal in Ruhe gelassen werden. Man stelle sich vor, Katinka und Hardo ein Paar! Das gibt auch professionelle Verwicklungen. Katinka als unorthodoxe und unerschrockene Ermittlerin, Hardo mit seinen disziplinierten Ansichten. Dennoch bin ich sicher, dass beide wiederkommen. Ich habe auch schon eine Idee, um was für einen Fall es sich drehen könnte. Aber noch nicht jetzt. Geben wir den beiden noch eine Runde Privatsphäre. Und wer sich nicht mehr richtig erinnert an Katinkas und Hardos letzte gemeinsame Ermittlung lese nach in: Spinnefeind. Katinka Palfys achter Fall. Meßkirch, Gmeiner 2008.

Sonntag, 1. November 2009

Agatha und ich

Schon schön, so ein neuer Kurzgeschichtenband. Eben ist meine Kurzgeschichte "Ein Pfeffersack macht Ärger" beim Inselverlag erschienen.
Venedig 1347. Anna, die im Deutschen Haus die Buchhaltung führt, verliebt sich in den Nürnberger Gewürzhändler Chunrath. Als ihr Geliebter eines Morgens tot im Canal Grande treibt, ermittelt sie auf eigene Faust im Sumpf der Korruption ...
Nachdem ich im Habilitationsverfahren die fantastische Welt des Fondaco dei Tedeschi, des Deutschen Hauses, in Venedig kennengelernt hatte, dachte ich immer wieder darüber nach, einen Krimi im Spätmittelalter spielen zu lassen, und dann im winterlichen Venedig. Das Deutsche Haus war seinerzeit das Zentrum des deutschen Handels in Venedig. Die deutschen Kaufleute mussten ihre Waren dort lagern, außerdem dort wohnen und durften Geschäfte nur machen, wenn sie einen Sensalen dabeihatten, der das Business überwachte und genau aufpasste, dass auch alle Steuern und Abgaben bezahlt wurden. Kurz: Ein Hort der Korruption, der möglichen Umwege, der Kleinkriminellen. Die Nürnberger Gewürzhändler wurden damals auch "Pfeffersäcke" genannt, und um einen solchen geht es im winterlichen Venedigkrimi. Witzigerweise ist er nach einer Short Story von Agatha Christie abgedruckt ... Vorbilder werden nie alt!

Viele Grüße vom Deutschen Haus am Canal Grande, gleich an der Rialto-Brücke: